Kindheit und Jugend
Foto: Klassenfoto in Aschau

Kindheit und Jugend

Kindheit und Jugend

Als »Perlen einer Kette« bezeichnet Papst Benedikt XVI. im Rückblick die wechselnden Wohnorte seiner Kindheit und Jugend. Wegen Versetzung des Vaters zieht die Familie 1929 von Marktl nach Tittmoning und 1932 weiter nach Aschau am Inn. Mit der Pensionierung des Vaters kommt die Familie 1937 nach Hufschlag bei Traunstein, wo sie ein eigenes Anwesen bezieht und ihre »wahre Heimat« findet. In Traunstein besucht Joseph Ratzinger das Gymnasium und kommt als 12-jähriger ins dortige Studienseminar (Foto). Die Gymnasialzeit des Jugendlichen wird durch den Nationalsozialismus und die Auswirkungen des Krieges überschattet.

Im Traumland der Kindheit

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1929, zwei Jahre nach Josephs Geburt, zieht die Familie nach Tittmoning um. Das barocke Städtchen wird für den kleinen Buben zum »Traumland«. Mit drei Jahren kommt Joseph in den Kindergarten, der sich im ehemaligen Augustinerkloster befindet. Das Kloster mit der dazu gehörenden »Kinderbewahranstalt« wird von den Englischen Fräulein betreut. In besonderer Erinnerung bleibt dem Kind die Klosterkirche. Hier erlebt der Vierjährige seine ersten Gottesdienste, deren feierliche Liturgie ihn tief beeindruckt.

Die ersten Schuljahre

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1932 zieht die Familie vom Städtchen Tittmoning in das Dorf Aschau am Inn. Im Hintergrund des Ortswechsels stehen Probleme des Gendarmen Ratzinger mit der aufkeimenden »braunen« Macht der Nationalsozialisten. Das Leben in dem »behäbigen Bauerndorf« ist für den kleinen Joseph gewöhnungsbedürftig. Sehr bald aber haben er und seine Geschwister ihr neues Zuhause doch liebgewonnen. Im Gedächtnis des Schuljungen Joseph verankern sich vor allem die intensiv erlebten Höhepunkte der christlichen Liturgie: die Engelämter der Adventszeit, die Ölbergandachten der Fastenzeit, die beeindruckend inszenierte österliche Auferstehungsfeier. Gleichzeitig erlebt der Bub die auch im Alltagsleben immer stärker spürbare Ausbreitung des Nationalsozialismus. Seine Geschwister müssen sich der Hitlerjugend bzw. dem Bund deutscher Mädchen anschließen. Der Vater leidet immer stärker darunter, dass er nun Diener der braunen Machthaber ist, die er als Verbrecher betrachtet.

Angekommen in der Heimat

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Im Frühjahr 1937, als Josephs Vater mit 60 Jahren pensioniert wird, zieht die Familie nach Hufschlag bei Traunstein. Der wegen der politischen Umstände amtsmüde Polizist hatte das alte Bauernhaus bereits 1933 erworben. Hier findet die Familie Ratzinger ihre »wahre Heimat«. Für die Kinder ist es, so Joseph Ratzinger rückblickend, »ein Paradies, wie wir es nicht schöner hätten träumen können«. Schon bald nach dem Umzug kommt Joseph in die erste Klasse des humanistischen Chiemgau-Gymnasiums in Traunstein. Seine Lieblingsfächer sind Latein und später Griechisch, wenig anfreunden kann er sich dagegen mit dem Sportunterricht. Am 9. Juni 1937 wird der zehnjährige Joseph Ratzinger von Kardinal Faulhaber in der Traunsteiner Pfarrkirche St. Oswald gefirmt.

Im Schatten der NS-Zeit

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Ostern 1939 tritt Joseph auf Anraten des örtlichen Pfarrers in das Erzbischöfliche Studienseminar St. Michael in Traunstein ein. Es ist ein tiefer Einschnitt für den Zwölfjährigen: »Ich hatte in großer Freiheit zu Hause gelebt, studiert, wie ich wollte, und meine eigene kindliche Welt gebaut. Nun in einen Studiersaal mit etwa sechzig anderen Buben eingefügt zu sein, war für mich eine Folter.« In den Wirren der ersten Kriegsjahre werden die Seminaristen mehrmals umgesiedelt. Dennoch freundet sich Joseph mehr und mehr mit dem Leben im Internat an: »Ich musste lernen, aus meiner Eigenbrötelei herauszutreten und im Geben und Empfangen eine Gemeinschaft zu bilden. Für diese Erfahrung bin ich dankbar, sie war wichtig für mein Leben.«
1941 muss das Seminar geschlossen werden. Joseph besucht das Gymnasium fortan von zu Hause aus. Die Auswirkungen des NS-Regimes werden für den Schüler Joseph Ratzinger immer stärker spürbar. Bereits 1939 waren alle Seminaristen zwangsweise zur Hitlerjugend gemeldet worden. 1943 wird Josephs Internatsjahrgang zur Flugabwehr nach München berufen. Im September 1944 kommt er zum Reichsarbeitsdienst ins österreichische Burgenland. In den Wirren des Kriegsendes gelangt er zurück nach München und schließlich wieder nach Traunstein. Dort wird er von der US-Armee gefangen genommen und in ein Gefangenenlager nach Ulm, später nach Bad Aibling gebracht. Im Juni 1945 wird er entlassen und kann unversehrt nach Hause zurückkehren.

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