Theologe
Foto: Im Inneren des Petersdoms in Rom

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»Das Lehren, das Weitergeben von Erkanntem, das war mir sehr früh etwas, was mich angeregt hat, und auch das Schreiben“, sagt Joseph Ratzinger.
Bestimmend für seinen Lebensweg wird die Begegnung mit Joseph Kardinal Frings im Jahr 1961. Joseph Ratzinger wird zum Berater des Kardinals, begleitet ihn auf das II. Vatikanische Konzil (1962–1965) und wird zum offiziellen Konzilstheologen ernannt.

Glauben begreifen

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Die akademische Laufbahn Joseph Ratzingers beginnt mit seiner Promotion bei Professor Gottlieb Söhngen im Juli 1953. Die Dissertation behandelt das Thema »Volk und Haus Gottes in Augustins Lehre von der Kirche« und wird mit höchstem Prädikat ausgezeichnet.
Ab 1953 widmet sich Joseph Ratzinger seiner Habilitationsschrift, die im ersten Anlauf nicht angenommen wird. Gegen den Widerstand des Dogmatikers Michael Schmaus, der in der Arbeit gefährliche Modernismustendenzen sieht, habilitiert Ratzinger sich 1957 im Fach Fundamentaltheologie mit dem Thema »Geschichtstheologie des Hl. Bonaventura«.
1958 tritt der 31-Jährige eine Professur für Dogmatik und Fundamentaltheologie an der Philosophisch- Theologischen Hochschule Freising an. 1959 erhält Joseph Ratzinger den Ruf auf den fundamentaltheologischen Lehrstuhl in Bonn. In seiner Antrittsvorlesung behandelt er die Frage nach dem Verhältnis von Glaube und Vernunft – ein Thema, das ihn nicht mehr loslassen wird. 1963 folgt er dem Ruf an das Seminar für Dogmatik und Dogmengeschichte der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster. 1966 erhält Ratzinger auf Empfehlung von Hans Küng einen Lehrstuhl für Katholische Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Eberhard-Karls-Universität Tübingen.
Von den heftigen Studentenprotesten der »68er- Jahre« unmittelbar betroffen, nimmt er als Folge dieser Spannungen 1969 den Ruf an die Universität Regensburg an. Dort lehrt er Dogmatik und Dogmengeschichte, bis er 1977 zum Erzbischof von München und Freising ernannt wird. Auch nach seiner Wahl zum Papst im Jahr 2005 ist er weiterhin Honorarprofessor in Regensburg.

Die Genueser Rede

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Am 25. Januar 1959 gibt Papst Johannes XXIII. bekannt, dass er beabsichtigt, ein Konzil für die Weltkirche einzuberufen. Ziele sollten die Erneuerung der Kirche, größere Klarheit im Denken und Stärkung des Bandes der Einheit sein. Zur Vorbereitung des Konzils wird in Genua ein Vortragszyklus eingerichtet, bei dem auch Joseph Kardinal Frings referieren soll. Der Kölner Erzbischof sieht sich allerdings außer Stande, das ihm gestellte Thema »Das Konzil und die moderne Gedankenwelt« grundlegend zu besprechen und wendet sich an den erst 34-jährigen Theologen
Ratzinger. In seinen Erinnerungen berichtet Frings: »In einem Gürzenich-Konzert traf ich Professor Joseph Ratzinger…Ich bat ihn, ob er mir bei der Bearbeitung dieses Themas behilflich sein wollte, und auch ihn schien diese Themenstellung zu reizen. Er lieferte mir bald einen Entwurf, den ich so gut fand, dass ich nur an einer Stelle eine Retuschierung vornahm.« Kardinal Frings, wegen der Genueser Rede zu Papst Johannes XXIII. bestellt, stellt wider Erwarten fest, dass der Papst von den »schönen Ausführungen « begeistert ist: »Lieber Cardinale, Sie haben all das gesagt, was ich gedacht habe und sagen wollte, selbst aber nicht sagen konnte.« Auf den Hinweis, der Vortrag stamme eigentlich nicht von ihm selbst, sondern von Professor Ratzinger, habe der Papst geantwortet: Auch er müsse sich Texte erarbeiten lassen. Es komme darauf an, die richtigen Berater zu finden. Das Gespräch mit Johannes XXIII. ermutigt Kardinal Frings, Joseph Ratzinger als theologischen Berater für die anstehende Bearbeitung der dogmatischen Texte in der Zentralkommission beizuziehen.

Auf dem Weg zum Konzil

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Nach der Ankündigung des II. Vatikanischen Konzils durch Papst Johannes XXIII. entsteht in der Kirche eine Stimmung des Aufbruchs und der Hoffnung. Joseph Kardinal Frings gehört zum zehnköpfigen Konzilspräsidium. Regelmäßig erhält er von einer päpstlichen Kommission zur Vorbereitung des Konzils die sogenannten »Schemata« (Textentwürfe in lateinischer Sprache), die später zur Beratung und zur Abstimmung vorgelegt werden sollen. Diese Texte leitet Kardinal Frings regelmäßig an Joseph Ratzinger weiter, mit der Bitte um Kritik und Verbesserungsvorschläge. Ratzinger hat manches auszusetzen und zu ergänzen. Die scholastische Theologie hält er in ihrer steifen und engen Form für kein geeignetes Instrument mehr, sich in einer neuen Sprache und Offenheit der Gegenwart zu stellen. Akribisch arbeitet er die Konzilsschemata durch und versieht sie handschriftlich mit seinen Kommentaren. »Schließlich war die große Stunde des Konzils gekommen«, schreibt Joseph Ratzinger. Kardinal Frings nahm Ratzinger als seinen theologischen Berater mit nach Rom.

Das II. Vatikanum

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Am 11. Oktober 1962 wird das II. Vatikanische Konzil eröffnet. In einer großen Prozession ziehen die 2498 Konzilsväter in den Petersdom ein. Begeistert erlebt Joseph Ratzinger die erste Sitzungsperiode des Konzils, die vom 13. Oktober bis zum 8. Dezember 1962 dauert. Auch er, so sagt er rückblickend, habe sich vom Optimismus des Papstes anstecken lassen.
Gegen Ende der ersten Periode wird Joseph Ratzinger auf Anraten von Kardinal Frings zum offiziellen Konzilstheologen (Peritus) ernannt. Er begegnet Bischöfen aus allen Kontinenten und verspürt nach eigener Aussage in besonderer Weise den Atem der Geschichte und der Weltkirche. Er arbeitet mit den großen Konzilstheologen zusammen: Yves Congar, Henri de Lubac, Jean Daniélou, Gérard Philips und Karl Rahner. Während des Konzils stirbt Papst Johannes XXIII. Kardinal Montini wird als sein Nachfolger Paul VI. zum eigentlichen Konzilspapst.
Die anfängliche Begeisterung Ratzingers für das Konzil weicht einer zunehmenden Ernüchterung, manchmal bildet sich bei ihm sogar der Eindruck, »daß eigentlich nichts mehr fest sei in der Kirche, daß alles zur Revision stehe.« Ratzinger bleibt jedoch tief davon überzeugt, dass die Texte des Konzils ganz und gar in der Kontinuität des Glaubens stehen: Bei sauberer und gründlicher Auslegung »öffnet es auch wirklich einen Weg, der noch viel Zukunft vor sich hat.« Nach vier Sitzungsperioden schließt das Konzil am 8. Dezember 1965.

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