Hintergrund

100. Geburtstag von Papst Johannes Paul II.

18.05.2020 · Marktl am Inn · Geburtshaus

Am 18. Mai ist der 100. Geburtstag von Papst Johannes Paul II. (1920-2005).

Zu den Feierlichkeiten in seinem polnischen Geburtsort Wadowice war auch eine Delegation aus Marktl, dem Papstgeburtsort im Bistum Passau, eingeladen. Wegen der gesundheitlichen Lage sind Reisen und Veranstaltungen nicht möglich. Daher sollen die folgenden Gedanken gleichsam eine Brücke schlagen zwischen diesen beiden Orten.

„Kremówki“ – dieses polnische Wort haben wir damals alle gelernt, als Karol Wojtyla, der von 1978 bis 2005 das Petrusamt innehatte, im Jahr 1999 zum letzten Mal seine Heimatstadt besuchte. Von den Cremetörtchen der Konditorei in seiner Jugend schwärmte er im lockeren Dialog mit den Menschen auf dem Marktplatz und hatte über eine Reihe von Geschäften und Häusern von Wadowice eine Anekdote zu erzählen.
In Marktl ist das anders. Joseph Ratzinger, der hier 1927 geboren wurde und die ersten zwei Jahre seines Lebens verbrachte, hat keine eigenen Erinnerungen an seinen Geburtsort. Höchstens Familienangehörige wissen noch, dass den späteren Papst Benedikt XVI. (2005-2013) das Auto der Zahnärztin und der Teddybär im Schaufenster mächtig beeindruckten.
Geburtsorte haben eine besondere Anziehungskraft.
Denn sie lassen auch die Großen der Weltgeschichte menschlich erscheinen. Und selbst wenn ein Mensch nur kurz an seinem Geburtsort gelebt und dafür viel längere Zeit an anderen Orten verbracht hat, so bleibt doch der Ort seiner Geburt ein unvergleichbarer und einzigartiger. Nicht nur in amtlichen Formularen wird nach dem Geburtsort gefragt. Auch das erste Schreien, Atmen, Hören und Bewegen ist für immer mit diesem Ort verbunden.
Joseph Ratzinger hat einmal über Marktl gesagt: „Hier ist der Ort, an dem mir meine Eltern das Leben geschenkt haben, der Ort, an dem ich meine ersten Schritte auf dieser Erde getan habe, der Ort, da ich sprechen gelernt habe.“ Niemand wird gefragt, ob er geboren werden möchte. Jeder Mensch wird in ein Leben geworfen, das schon vom ersten Atemzug an dem Tod entgegenläuft. Es ist gar nicht selbstverständlich, dass das Leben als Geschenk gesehen und angenommen werden kann. Glücklich der Mensch, der seinen Eltern für das Geschenk des Lebens dankbar sein kann!
Damit Leben gelingen kann, haben die Eltern erst die Grundbedürfnisse zu stillen: Hunger, Durst, Wärme. Doch damit das Leben auch als Geschenk angenommen und gelebt werden kann, braucht es noch mehr. Das Leben kann nur dann freudig und dankbar gelebt werden, wenn hinter allen Bedrängnissen und Grenzen während und vor allem am Ende meines Daseins auch ein Sinn aufleuchtet, der alles trägt und der Vergänglichkeit entreißt.
Wo Eltern nur das nackte Leben schenken, da geben sie zu wenig. Leben kann sich nur dann entfalten, wenn es eingehüllt ist in eine Atmosphäre der Liebe und der wahrhaftigen Güte, die allem Sinn verleiht.
Joseph Ratzinger hat es einmal so ausgedrückt: „Sinn aber ist dem Menschen nur wirklich gegeben, wenn dieser Sinn stärker ist als der Tod, wenn er mehr Leben ist als das physische Leben. Erst der Sinn ist das wirkliche Leben.“ Bezeichnenderweise fielen diese Worte während einer Osternacht mit Taufspendung. Neben den Geburtsort tritt nun der Taufort. Zur leiblichen Geburt kommt auch die „neue Geburt“ hinzu, von der das Evangelium spricht. Nicht nur Kreatur und Geschöpf soll der Mensch sein, er darf auch Gotteskind und Freund Jesu Christi werden. Deshalb hat Papst Benedikt über seinen Geburtsort Marktl noch einen Satz zu sagen: „Hier ist der Ort, an dem ich getauft worden bin am Karsamstagmorgen und so Glied der Kirche Jesu Christi wurde.“
Geburtsorte lassen nachdenklich werden über den Lebensweg bekannter Persönlichkeiten. Doch Geburtsorte, vor allem auch wenn sie zugleich Tauforte sind, sollen uns nicht im Anekdotischen zurücklassen. Der Blick auf den Ausgangspunkt eines großen, eines gelungenen Lebens kann auch mich selber anfragen: Woher komme ich? Wieviel verdanke ich anderen? Wie wird mein Lebensweg weitergehen? Was mache ich aus den mir geschenkten Gaben, vor allem aus der Vor-Gabe von Sinn, den ich in meiner Taufe empfangen habe?
Im Jahr 2006 begab sich auch Papst Benedikt XVI. nach Wadowice, den Geburtsort seines Vorgängers. Er hat ihn dabei so zitiert: „Hier hat alles begonnen: das Leben, die Schule, die Studien, das Theater und das Priestertum.“ Im Leben dieser beiden Päpste ist die Schönheit, aber auch das Drama der letzten hundert Jahre sichtbar geworden. Wer dächte bei ihren Geburtsorten Marktl und Wadowice nicht auch an die Nähe zu Braunau und Auschwitz? Und doch stehen beide dafür, dass das Leben ein Geschenk ist und dass jeder Getaufte von einem Sinn gehalten wird, der im österlichen Christus für immer aufleuchtet.

Dr. Franz Haringer
Theologischer Leiter



Foto Vorschau: KNA
Artikelbild: Dionys Asenkerschbaumer